Editorial Heft 4/2005


Liebe Leser
Vor ziemlich genau 30 Jahren machte sich der Schreiber dieser Zeilen auf den Weg zu seiner ersten Polenreise. Dort gab es noch sehenswerten Dampfbetrieb u.a. mit etlichen ehemals deutschen Loks. Nur - es herrschte ein rigides Fotoverbot, die wildesten Gerüchte über monatelange Verhaftungen von Eisenbahnfreunden machten die Runde. Da gab es das damals sensationelle Angebot einer Gruppenreise mit Fotogenehmigung. Im Ostblock nie gekannte Freiheiten taten sich auf, keine Tür blieb verschlossen. ALLES durfte gemacht und fotografiert werden. Die Fahrt war vom Erlebnis her ein voller Erfolg. Bei der Bildausbeute kommen mir allerdings heute noch die sprichwörtlichen Tränen, was allerdings nur an der der, dem Studentenbudget angepassten Ausrüstung inkl. Billigfilmen (man musste ja sparen!!) und vor allem leider mangelndem Können und Kenntnissen lag. Zwei Jahre später ging es wieder nach Polen, allerdings blieben dieses Mal die meisten Türen zu. Ewig im Gedächtnis ist mir eine sog. Fotosession in einem Bw mit gelbrotem Absperrband und millimetergenau festgelegtem Standort der Gruppe, natürlich völlig falsch bezüglich Licht und Motiv. Die simple Erklärung: Weitere Gruppen sog. "Fans" hatten sich aufgeführt wie die sprichwörtlichen Elefanten im Porzellanladen inklusive des Abbaus von Erinnerungsstücken an Betriebsloks!
Etliche Reisen - privat, sogar inkl. offiziell erteilter Fotogenehmigung ("... aber keine Stellwerke mit der Kamera greifen!") - aber auch in Reisegruppen folgten und je nach politischer und "Fan"-Lage waren die Freiheiten mal kleiner, mal größer. Der Standard der ersten Reise wurde nie mehr erreicht, die Lokvielfalt schon gar nicht!
Besonders frustrieren heute allerdings die einzelnen Meldungen (auch in den vorliegenden Berichten), dass die Fotofreiheiten bereits wieder eingeschränkt werden. Dieses Mal ist es nicht die Angst vor den Spionen des Klassenfeindes, sondern die Furcht vor islamistischen Attentätern! Mögen die Bedenken durch die Kriegsteilnahme im Irak allgemein sogar nicht gänzlich unberechtigt sein, so erschließt sich mir die Logik von "auf Westtourist getrimmten" al-Quaida-Attentätern mit Raketenwerfern in der Fototasche nicht so gänzlich ... Zumal diese dann eher bei den Flugzeug-Spottern zu finden wären. Aber an den Flughäfen herrschen vermutlich ähnlich raue Sitten wie in mancher Zeche.

Bei uns in der Redaktion bin ich nicht der einzige Polenfan, im Gegenteil! So reifte, vor allem nach dem Sensationserfolg unseres innerhalb kürzester Zeit ausverkauften Schmalspurreiseführers die Idee eines Themenheftes zu den Bahnen dieses Landes. Immer wieder kam etwas dazwischen: Anderes hatte Vorrang, angekündigtes Material kam dann doch nicht, aber jetzt ist es soweit. Und - ohne überheblich sein zu wollen: Was lange währt ...!
Daher wünsche ich Ihnen viel Vergnügen bei der virtuellen Reise nach Polen

Ihr

Karl-W. Koch


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